Leseproben

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Johanna Pilz: Eine Frau ganz ohne Bedeutung

Meine Mutter war 14, mein Vater 18, als die Mütter der beiden gemeinsam mit ihren Kindern in der Flora in Köln lustwandelten. Es war ihre erste Begegnung. Als er ihr bei späterem Wiedersehen eine geklaute Kamelie überreichte, erntete er einen Tritt vor's Schienbein. So war sie, die damalige Moral. Da gab es keine Disco, keine Wohngemeinschaft oder kein "bei mir oder bei dir?". Nach der Schule ging Fritz nach Berlin zum Studium der Ingenieurwissenschaften und Mama ins Sacre Coeur zu den Ursulinen. Das war sicherer als jede Pille, die noch in den Reagenzgläsern der Labore schlummerte.

Einige Zeit nach meiner Geburt kam Mutters Bruder zu Besuch. "Aber warum weinst du denn, Willi?", fragte meine Mutter, als sie gemeinsam in die Wiege schauten. "Ach, armes Schwesterchen", seufzte er und schlang den Arm um sie, "dat Klein kriegst du ja nicht groß." Aber Mama stillte voller Zuversicht, noch nicht verunsichert von Baby-Fertignahrungsherstellern, die Muttermilch aus Geschäftsinteresse verteufeln. Jedenfalls, auf einem Foto im Taufkleidchen, sehe ich eigentlich aus wie ein ganz normales Baby.

Kaum in Hoya, hatten meine Eltern, wie damals üblich, ihre offiziellen Besuche mit Zylinder des Sonntags in der Mittagsstunde zwischen 12 und 1 Uhr angetreten. Daraufhin wurde mein Vater zum Herrenabend der Honoratioren des Städtchens eingeladen. Und Mama nach und nach bei den dazugehörenden Ehefrauen zum Nachmittagskränzchen. Die Honoratioren waren eine feste Größe. Es gab DEN Apotheker und DEN Arzt und DEN Herrn Ingenieur ohne die Anonymität heutiger Zeiten. Und vor allem, es gab sie immer nur einmal an jedem Ort. Man kannte einander.

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Da kam ganz unverhofft Post von der Insel Rügen aus Binz. Das war der Heimatort von Vaters Burschen. Die Familie betrieb dort einen Andenkenladen und Zimmervermietung. "Kommt beide umgehend her. Ich habe für uns drei Quartier gemacht!" So ein Glück! Das hatte längst nicht jeder. Zwei Tage später standen wir uns gegenüber; stumm zuerst. Papi hatte noch seinen Militärmantel an mit den ´von den Revolutionären beschädigten Achselklappen´. Dann riss er Mami und mich in seine Arme, ein Schluchzen verbergend. Es waren wunderschöne Tage. Ich durfte manchmal im Geschäft mithelfen. Fünf Ansichtskarten kosteten 5*5 Pfennige = 25 Pfennig. Was für ein Preis gegen heute! Als Beamter war Vater seine Anstellung bei der Wasserstraßendirektion Hannover sicher. Eine große Sorge weniger.

Aber für mich hieß die Rückkehr nach Hannover den zweiten Schulwechsel in meine dritte Schule zu bestehen. Sie ssstießen und ssstolperten ssstur um mich herum. Bis auf eine Schülerin waren alle evangelisch und ich war katholisch. Und da war der Unterschied im Stoff des Wissens groß. Diese drei Faktoren, die dritte Schule, meine andere Religion und der Wissensstand waren für eine Zehnjährige schwer zu verkraften. Ich war gut in Mathematik, aber in Deutsch hatte ich Mängel. Aufsätze waren eine eins und die Rechtschreibung leider eine fünf. Wenn ich morgens die Augen aufschlug, kamen auch schon die ersten Tränen. "Bitte Mutti, lass mich zu Hause bleiben, nicht zu diesen schrecklichen Kindern". Aber gelobt ist, was hart macht. Ostern wurde ich versetzt, obwohl anfangs nur versuchsweise in die Klasse eingeschult. Meine Eltern hatten natürlich überlegt, wie man mir helfen konnte. So meldeten sie mich in einer Gymnastikschule bei Liese Abt an. Es war die Zeit, da die Pawlovna ihre letzten Abende gab und Mary Wigman mit dem Ausdruckstanz der Labanschule die Bühnen eroberte. Liese ist nicht über weite Grenzen bekannt geworden. Sie heiratete den Prokuristen Weisgerber von Günter Wagner "Tinte Pelikan Füllfederhalter". Dafür kennt heute jeder die Tochter Antje Weisgerber, aus der Serie ´Der Landarzt´ im Fernsehen. Einmal im Jahr gab Liese Abt eine Matiné im deutschen Theater in Hannover oder in der Schauburg. In einem getanzten Weihnachtsmärchen hatten wir alle Kostüme aus Krepp-Papier. Es gab noch längst nicht alles wieder zu kaufen. Aber es war aufregend schön als kleine Schneeflocke. Dort fühlte ich mich wohl und schloss auch eine Freundschaft.

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Auf der linken Längsseite des Grundstücks grenzte der Landratsgarten. Rechts war eine hohe Mauer am oberen Rand mit Glasstückchen in Zement eingelassen als Schutz. Da war die Hauptstraße, die dort über die Brücke führte. In der Mauer befand sich am Gartenende ein kleines Eisentörchen. Ein paar Schritte hinauf zum Brückenkopf, erreichte ich den kleinen Pfad, der zwischen Uferrand und der hohen weißen Mauer des Gefängnisses entlang führte. Dort lag das Schwimmbad. Alles aus Holz zusammengebaut, lag eine Plattform mit einem Ein-Meter und Drei-Meter Sprungbett im Fluss und dicke Baumstämme grenzten das Nichtschwimmer-Becken ab. Oben an der Böschung standen einige aus Holzlatten gezimmerte Umkleidekabinen. Dort bekam ich dann auch den außerschulischen Kontakt mit meinen Klassenkameraden. Wir liefen ein Stück stromauf und ließen uns rückwärts treiben. Kam ein Dampfer mit zwei bis drei Weserböcken (so hießen die Lastkähne) stürzten wir uns in die Fluten.

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Ich glaube, dass alle, die sich noch an den ersten Weltkrieg auch nur dunkel erinnern konnten, recht misstrauisch der Massenbegeisterung gegenüberstanden! Aber der Alltag musste bewältigt werden. Und als dann der Herbst mit dem ersten Ährenlesen und Kartoffeln stoppeln (d.h. die spärlichen Reste, die nach der Ernte noch auf den Feldern herumlagen, mit den Händen aufklauben) ins Land gegangen war, konnte sich jede Familie, die gesund unterm Christbaum saß, glücklich schätzen. Ich hatte noch echten Stollen nach altem, überlieferten Rezept backen können. Wir hatten sogar zusätzlich einen der bekannten "Bäckerei - Kreuzkamp - Dresden" geschenkt bekommen. Ich glaube von Herrn Friedel, Werners Chef. Das Ehepaar selbst hatte keine Kinder. Konnte sich jedoch wohl vorstellen, dass eine Familienmutter ständig, wie die Tiere des Waldes auf Futtersuche war.

Das Sylvesterfeuerwerk bekamen wir durch die Flak frei Haus geliefert. Noch heute kann ich es nicht gut mit anhören. Januar - Februar, die Kinder tummelten sich im Schnee. Ich fing an, die Babysachen für unseren neuen Erdenbürger vorzubereiten, auch die Tragtasche. März, der erste Duft des Frühlings lag in der Luft. Die Natur folgt ihren Gesetzen und lässt sich durch keinen Krieg beeinflussen. Der Professor Schröder, der schon die Alice geholt hatte, sprach mir soviel Mut zu. Mein lieber Mann der im Stillen sicher auch so seinen sorgenvollen Gedanken nachhing, sagte so aufmunternd: "Aber Hannafrau, das schaffst Du doch mit links!" Ja, dachte ich dann, weg mit der Angst vor dem Hunger. Er soll auch so ein fröhlicher kleiner Mensch werden wie seine Schwestern. Am 3. Mai 1940 ging dann alles nach Wunsch. Tante Alice hatte ihr Patenkind nach Elsterberg geholt. Margret wohnte so lange bei Frau Reinhardt. Es waren ja noch keine Ferien. Werner brachte mich gegen 22 Uhr in die Universitätsklinik. Er hatte Schweißperlen auf der Oberlippe. Dass die Väter mit in den Kreißsaal durften, war zu der Zeit noch u n m ö g l i c h! Mitternacht. Ich lag der Uhr gegenüber. "Licht an, er kommt!", rief ich. Und alle gerieten in Bewegung. Prof. Schröder stürzte in letzter Minute herbei. "Frau Pilz," meinte er, "jetzt haben Sie aber den Bogen raus." - "Nix da, Herr Professor, jetzt wird der Schornstein zugemauert. Ein Kriegskind reicht!" Auf meine Frage, ob der Bub rundum gesund und komplett sei, zählte die Hebamme alles auf, und 32 Zähne seien auch angelegt. Es war plötzlich so ein befreiendes Lachen im Raum.

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Ganz unvermutet sitzt Herr Michels eines Morgens an meinem Kaffeetisch. Leicht erschrocken frage ich: "Nanu? So in der Früh?" - "Ja, später sind sie ja schon wieder unterwegs. Ich muss ihnen kündigen!" Ich starre ihn sprachlos an. Aber in meinem Kopf fing es an zu rasen. Hatte ich da doch unlängst etwas von weißem und schwarzem Ring gehört. In einem dieser Bezirke bestand unter gewissen Umständen Kündigungsschutz. Nun hieß es Ruhe bewahren und den nächst möglichen Termin beim Wohnungsamt einplanen. "Bedaure, Herr Michels, dass sie es nicht begreifen wollen, dass ich auf der Basis meine Praxis nicht weiter aufbauen kann. Leute, die am Fenster stehen, mich erwarten und im Ungewissen sind, ob ich überhaupt komme oder der Hauswirt erkrankt ist, verabreden sich kein zweites Mal mit mir." - "Ja, ja, was war das doch schön, wie ihr Mann noch lebte, und die Kinder alle noch zu Haus waren!" Er erhob sich schwerfällig aus dem Korbsessel und sah gar nicht wie ein Sieger aus. Fast tat er mir leid. Sicher hatte sein Freund Pitter, ein tüchtiger Geschäftsmann, ihm den Rat mit der Kündigung gegeben! Greise waren eben zu alt, um es noch zu fassen, dass Frauen im Krieg kämpfen gelernt hatten und nicht gleich in die Knie gingen und sich ihren Wünschen beugten.

Beim Wohnungsamt hatte ich Glück. Ich befand mich im geschützten Kreis. "Und, wenn sie dann etwas Passendes gefunden haben und freiwillig ausziehen, können sie den Vermieter zum Zahlen der Umzugskosten veranlassen. So, wie sie gebaut sind, schaffen sie das auch, lächelte er mir verschmitzt zu. Das war erst mal vom Tisch. Aber eine neue Bleibe? Die stand im Raum. Ich wusste noch nicht, wie entmutigend die kommende Zeit sein würde. Ich wurde schikaniert.

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Plötzlich hatte ich meinen ersten Job. Ich warf einen Brief ein an der Paterskirche und guckt so nebenbei in den Anzeigenkasten. "Frau gesucht nicht unter 40 Jahren zum Spazierenfahren eines Säuglings!" Der Name war mir nicht unbekannt. Mutter und Großmutter waren gute Kundinnen gewesen. Mit Großmutter verkehrte ich auch außerberuflich. Warum eigentlich allein im Bunten Garten herumlaufen? Bewegung brauchte ich unbedingt.

Ich hatte Anfang der siebziger Jahre eine böse Arthrose mit anschließender Arthritis gehabt. Einen Sommer lang war ich immer mit Stützstrumpfhose auf den Beinen, schleppte mich mit zwei Stöcken durch die Wohnung! Jeder, dem ich die Türe öffnete, blieb erst mal stehen mit der Frage: "Können sie denn überhaupt arbeiten?" - "Sicher, die Füße brauche ich ja nicht dazu!" Glücklicherweise war Auto fahren noch möglich.

Mit der jungen Mutter war ich rasch handelseinig. Fünf Tage in der Woche bei gutem Wetter von 10 - 12 Uhr DM 12,-. Auf dem Wochenmarkt konnte man dafür noch allerhand einkaufen. "Maria, weißt du denn nicht, dass Frau Pilz nächstes Jahr 80 wird?", entsetzte sich die ältere Generation. "Nö, vom Alter haben wir gar nicht gesprochen. Nur, dass sie Säuglingspflege gelernt hat. Und sie wird Luisa ausfahren!"

Das gleichmäßige Gehen auf weichem Boden gestützt auf den Kinderwagen, hat mir so gut getan, dass ich heute nur selten einen Gummi-Knieschützer mehr brauche. Eine Operation oder Spritzen schon gar nicht. Kurz vor ihrem 1. Geburtstag rannte sie mir davon über den Rasen. "Haltet mir bitte das Kind auf!", rief ich den entgegen kommenden Spaziergängern zu. Das war dann das Ende der Beziehung. Ich wollte nicht noch einmal einen Wettlauf verlieren. Die Verantwortung wurde zu groß. Ich feierte den Jubeltag von Luisa mit und sah mich zum ersten Mal auf einem Video! Sie gratulierten mir alle fünf zu meinem 80 sten. Dann verlief sich der Kontakt und neue bahnten sich an. Langweilig ist es mir in meinem ganzen Leben nicht geworden.

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